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Inklusion gut verkauft - aber schlecht gemacht


Behindertenfahrdienst nicht so problemlos wie dargestellt


Rollifahrer mit dem CeBeeF Fahrdienst
Frankfurt a.M. (CeBeeF) Unter dem "Deckmantel" der Inklusion hat die Stadt Frankfurt am Main ihr neues System zum Beförderungsdienst  verändert. Sie verkauft es unter dem Ansatz der viel größeren Mobilität und versucht dabei den Fahrdienst für Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen zu einem Taxidienst  umzufunktionieren. Dafür hat sie einen Taxi Dienstleister im Rahmen einer Europaweiten Ausschreibung mit der Aufgabe der Abrechnung, aber auch einer übergeordneten Disposition beauftragt. Für diese zusätzliche, übergeordnete Disposition gibt sie jährlich nach eigenen Aussagen nun pauschal 500.000  Euro aus. Im vorherigen System dagegen waren es für die Abrechnung ca. 140.000 Euro im Jahr, die sich anteilig aus der Anzahl der Fahrten errechneten.

Im Bereich der Fahrdienste hat sie den Markt geöffnet und lässt nun alle Anbieter zu, die die neuen niedrigschwelligen Voraussetzungen erfüllen. Das hat dazu geführt, dass aktuell bereits über 100 Fahrzeuge für ca. 1750 Menschen mit Behinderungen im Einsatz sind, die mit ihrem Fahrtenkontingent  max. 2x wöchentlich eine Hin- und Rückfahrt  unternehmen können. Einige haben ein geringeres Kontingent, andere können aus alters- und/oder behinderungsbedingten Gründen ihr Fahrtenkontingent nicht vollständig nutzen. Es geht also insgesamt um 50.000 - max. 60.000 Fahrten im Jahr. Das bedeutet im Durchschnitt  auf ein Jahr 170 Fahrten am Tag und damit max. 2 Fahrten pro Fahrzeug. Wirtschaftlichkeit ist damit nicht mehr gegeben.

Quantität statt Qualität

Die Stadt Frankfurt am Main ist stolz darauf, nun so viel Anbieter am Start zu haben. Dadurch würden seit 2016 erheblich mehr Fahrten durchgeführt. Dass die bisherigen Anbieter auch in der Zeit davor stets auf eine steigende Fahrtenanfrage reagiert haben und sich dementsprechend jedes Jahr die Anzahl der Fahrten gesteigert hat, bleibt unerwähnt.

Um so viele Anbieter an den Start zu bringen, wurden die Zulassungskriterien stark gesenkt. Es können jetzt auch PKW mit Auffahrrampen eingesetzt werden, die nicht alle Rollstühle transportieren können, die Fahrgäste mit dem Rollstuhl auf der Hinterachse sitzen und das Ein- und Ausladen für die Fahrer nicht der Arbeitssicherheit entspricht. Es werden auch Krankentransportfahrzeuge eingesetzt.

Außerordentlich bedenklich wird es aber insbesondere durch die Tatsache, dass hier Träger zugelassen wurden, die die Kundendaten zu Werbezwecken missbrauchen und Fahrgäste bedrängen Fahrten mit Ihnen zu unternehmen. Die Stadt Frankfurt am Main tut diese Aktivitäten einfach mit der Erklärung ab, das sei nicht nachzuweisen.

Standards nicht mehr vorhanden

Im alten System gab es im Verbund der Träger nachts ein Fahrzeug, das stets erreichbar war und Fahrten spontan durchführen konnte. Jetzt muss der Fahrgast für spontane Fahrten in der Nacht die neue Dispositionszentrale anrufen. Welcher Träger mit welchem Fahrzeug kommen wird, kann die Dispositionszentrale bei der Fahrtanmeldung nicht sagen, da sie erst nach der Anmeldung klären kann, welcher Anbieter die Fahrt übernimmt.

Die Ungewissheit, welcher Fahrdienst bei einer Anmeldung bei der Dispositionszentrale kommt, besteht auch am Tag. Dies ist unabhängig davon, ob sich ein Fahrgast einen bestimmten Anbieter wünscht oder nicht, da die Fahrt erst 30 Minuten vor dem Abholzeitpunkt ins System gegeben wird. Das System versucht die Fahrt dann an das Fahrzeug mit der längsten Wartezeit im Sektor des Abholortes zu vergeben. Wenn das Fahrzeug die Fahrt nicht annimmt, gibt das System die Fahrtanfrage so lange weiter, bis ein Fahrzeug sie annimmt.

Wenn der Fahrgast sicher gehen möchte zu wissen, dass der gewünschte Fahrdienst mit dem richtigen Fahrzeug kommt, muss er weiterhin beim Träger direkt anrufen und seine Fahrt bestellen.

Doppelte Arbeit für weniger Geld

Für die gemeinnützigen Träger, die seit über 30 Jahren den Fahrdienst mit einer hohen Qualität und Kundenorientierung anbieten, bedeutet das:

Die Träger müssen eine eigene Fahrtenplanung erstellen und nun im neuen System dies alles nochmal in die Datenbank der übergeordneten Dispositionszentrale eingeben, damit die Fahrten dann an die Fahrzeuge zur Durchführung und Abrechnung gesendet werden können. Die komplette Disposition mit dieser doppelten Arbeit wird innerhalb  einer Gemeinkostenumlage von 10%, mit der auch Mieten, Reparaturen der Fahrzeuge und Bürobedarf abgegolten sein sollen, vergütet.

Fahrtänderungen (andere Fahrgäste oder Fahrtziele) sind durch den notwendigen "Umweg" über das System der Dispositionszentrale nur mit einem zusätzlichen zeitlichen Aufwand und damit einer Verzögerung der Fahrt möglich. Das nimmt nicht nur den Fahrgästen die Spontanität, sondern macht dem Fahrdienst auch eine effiziente Planung und Umsetzung schwierig.

Für diese unnötige, doppelte und übergeordnete Dispositionszentrale gibt die Stadt Frankfurt am Main jährlich ca. 500.000 Euro aus. Diese überflüssigen Ausgaben sorgen bei einem festen Budget für das gesamte System zu einer deutlich geringeren Vergütung für die Fahrten selbst.

Die geringere Vergütung, die höhere Belastung durch das umständliche System, verbunden mit zu vielen Fahrzeugen für die Anzahl der Fahrten, macht es für Träger, die vorher stark im Bereich des Beförderungsdienst tätig waren, unwirtschaftlich.

Am Ende muss man sich fragen, was das Ziel des Dezernates für die Zukunft ist, nachdem sie die qualitativ guten Träger, die ihr seit 30 Jahren die Mobilität sicherstellen, wissentlich zur Aufgabe gezwungen hat. Dabei gäbe es mit Anpassungen im System Lösungen, wenn man sie wollte. Sogar kurzfristig im aktuellen System. Mit der Option, dass die Fahrdienste, die selbst disponieren, nur über das neue System abrechnen, könnte man für diese Träger die doppelte Disposition abschaffen. Mit der Einführung besserer  Qualitätsstandards könnte man dafür sorgen, dass nur angemessene Fahrzeuge und Fahrer im Einsatz haben.

Und für die Zukunft? Das Sozialamt hat bereits letzten August eine zeitnahe Evaluation angekündigt. Anstatt diese weiter zu verschieben - laut Dezernentin soll sie jetzt erst in 4 - 5 Monaten umgesetzt werden, um vermutlich aufgrund einer fehlenden Auswertung die aktuellen Verträge einfach verlängern zu können - ist es zwingend erforderlich, diese Evaluation zeitnah umzusetzen. Damit könnte sichergestellt werden, dass die notwendigen Veränderungen bis zum Herbst erarbeitet und in neuen Verträgen umgesetzt werden.

08.02.2018 - 15:21


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